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Stellungnahme zum Tollwutfall in Kanada

  • vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen


Der Tod des Kindes in Kanada ist eine schreckliche Tragödie. Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, einen möglichen direkten Kontakt mit einer Fledermaus ernst zu nehmen, auch dann, wenn keine eindeutige Biss- oder Kratzwunde erkennbar ist. Dafür müssen sowohl die Bevölkerung als auch Ärzt:innen ausreichend sensibilisiert sein. Eine umgehende Postexpositionsprophylaxe (PEP) kann den Ausbruch der Krankheit verhindern, wenn sie rechtzeitig verabreicht wird.

Gerade weil Tollwut eine so ernste Erkrankung ist, sollte darüber jedoch sachlich, wissenschaftlich korrekt und verhältnismäßig informiert werden. Fledermäuse pauschal als „unsichtbare Todesgefahr“ darzustellen, erzeugt vor allem Angst, verbessert aber nicht automatisch den Gesundheitsschutz! 

Wichtig ist zunächst, dass sich die Situation in Nordamerika nicht einfach auf Europa übertragen lässt. Fledermaustollwut kann durch verschiedene Viren der Gattung Lyssavirus verursacht werden. Dazu gehören das klassische Tollwutvirus sowie weitere Lyssaviren, von denen viele mit Fledermäusen assoziiert sind. Auf dem amerikanischen Kontinent zirkulieren bei Fledermäusen Varianten des klassischen Tollwutvirus. Bei europäischen Fledermäusen kommen dagegen überwiegend andere, fledermausspezifische Lyssaviren vor, die zudem eng mit bestimmten Wirtsarten verbunden sind. Etwa 95 Prozent der europäischen Nachweise von EBLV-1 entfallen beispielsweise auf Breitflügelfledermäuse und die nahe verwandte Isabellfledermaus. Andere europäische Fledermauslyssaviren wurden bislang nur bei bestimmten Arten und zum Teil lediglich in wenigen Einzelfällen nachgewiesen. 

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass man das Risiko ignorieren sollte. Es muss aber realistisch eingeordnet werden: UNEP/EUROBATS dokumentiert bislang insgesamt sechs tödliche menschliche Fälle durch Fledermauslyssaviren in ganz Europa. Das Risiko ist also real, eine Übertragung auf den Menschen aber außerordentlich selten! 

Auch eine Fledermaus, die tagsüber sichtbar ist, am Boden liegt oder nicht mehr fliegen kann, ist nicht automatisch tollwütig. Das verwendete Bild ist daher irreführend. Solche Tiere sind häufig verletzt, erschöpft, unterkühlt, dehydriert oder noch nicht selbstständig. Am Boden gefundene, flugunfähige Fledermäuse sind in der Regel nicht an Tollwut erkrankt! 

Trotzdem gilt immer: alle Wildtiere niemals mit bloßen Händen anfassen. Eine Lyssavirusinfektion lässt sich äußerlich nicht sicher erkennen oder ausschließen, und auch ein gesundes, verängstigtes Tier kann sich durch einen Biss verteidigen. Eine Übertragung setzt jedoch einen relevanten direkten Kontakt voraus, also einen Biss, tiefere Kratzer oder den Kontakt von Speichel mit einer offenen Wunde oder mit Schleimhäuten von Mund, Nase oder Augen. Die bloße Anwesenheit einer Fledermaus in einem Gebäude, auf einem Dachboden oder im Garten stellt dagegen absolut keine Tollwutexposition dar. 

Wir, die regelmäßig beruflich oder ehrenamtlich Fledermäuse untersuchen, bergen oder pflegen, verfügen natürlich über einen Impfschutz. Wer eine hilfsbedürftige Fledermaus findet, sollte deshalb weder ungeschützt zugreifen noch aus Angst wegsehen. Der richtige Weg ist, eine Fledermausfachstelle oder Wildtierhilfe zu kontaktieren und deren Anweisungen zu folgen. 

Der tragische Fall sollte Anlass für bessere medizinische Aufklärung und klare Handlungsempfehlungen sein, nicht für die pauschale Stigmatisierung einer gesamten, streng geschützten Tiergruppe! Wissenschaftlich nicht angemessen begründete Angst schützt die Bevölkerung nicht, kann aber Fledermäusen und ihrem Schutz erheblich schaden. 

Das Risiko darf nicht verharmlost werden. Es sollte aber ebenso wenig durch alarmistische Darstellungen überzeichnet werden. Gute Aufklärung nimmt mögliche Expositionen ernst, erklärt konkrete Schutzmaßnahmen und ordnet zugleich ein, wie selten solche Übertragungen tatsächlich sind. 


❗️Sachliche Aufklärung schützt Menschen und Fledermäuse ❗️


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